{"id":10274,"date":"2026-03-08T10:03:44","date_gmt":"2026-03-08T09:03:44","guid":{"rendered":"https:\/\/janert.info\/?p=10274"},"modified":"2026-03-08T10:21:31","modified_gmt":"2026-03-08T09:21:31","slug":"avoidance-behavior-function-and-significance","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/janert.info\/en\/vermeidungsverhalten-funktion-und-bedeutung\/","title":{"rendered":"Avoidance behavior: Function and meaning"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.27.6&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; custom_padding=&#8220;22px|||||&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.27.6&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.27.6&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.27.6&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; global_colors_info=&#8220;{}&#8220;]<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr kognitive Entwicklung und Lernen sind die Vermeidungs- und Abwehrstrategien, die ein Kind entwickelt hat, um sich vor \u00dcberforderung zu sch\u00fctzen. Wenn man sich als Begleiter dessen bewusst ist, er\u00f6ffnen sich ganz neue Wege zu Verst\u00e4ndnis und Umgang, so dass sich manche dieser die Entwicklung einschr\u00e4nkenden Verhaltensweisen gar nicht erst entwickeln m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mit solchen, vollkommen unbewussten, Mechanismen versucht das Kind seine prim\u00e4ren Schwierigkeiten zu kompensieren und seinen vertrauten &#8222;Status quo&#8220;, in dem es sich sicher f\u00fchlt, beizubehalten. Dadurch vermeidet es aber gleichzeitig neue Erfahrungen, die als senso-motorische Basis notwendig w\u00e4ren, um sein Lernen zu erweitern oder \u00fcberhaupt erst zu entwickeln.<\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong># Selbsteinschr\u00e4nkende Verhaltensweisen: Vermeidung der Konfrontation mit dem Unbekannten<\/strong><\/p>\n<p>Zweck der selbsteinschr\u00e4nkenden Verhaltensweisen (Waldon nannte sie \u201aSelf-Handicapping Behaviours\u2018) ist die Konfrontation mit dem Unbekannten zu vermeiden und zu verhindern,\u00a0indem sich das Kind von au\u00dfen kommenden Anforderungen entzieht, meist unter Einsatz des eigenen K\u00f6rpers. Der zugrunde liegende Vorgang l\u00e4sst sich ungef\u00e4hr so beschreiben:<\/p>\n<ol>\n<li>Das Kind erlebt sich selbst auf irgendeine Weise als beeintr\u00e4chtigt, z.B. weil es nicht versteht, Angst hat oder ihm etwas sensorisch unangenehm ist.<\/li>\n<li>Es f\u00fchlt sich deshalb verunsichert, gestresst. besch\u00e4mt oder es ist ihm peinlich,<\/li>\n<li>und versucht daher, dieses unangenehme Gef\u00fchl zu vermeiden oder sich nicht zu blamieren, indem es der Situation ausweicht, d.h.<\/li>\n<li>es nimmt so sozusagen \u201aZuflucht\u2018 in dem Gef\u00fchl des &#8222;kann ich nicht&#8220;, um Unbehagen, Unsicherheit, Scham und Angst zu \u00fcberspielen.\u00a0<\/li>\n<li>Infolgedessen vermeidet das Kind neue Erfahrungen und Aktivit\u00e4ten, und<\/li>\n<li>verhindert auf diese Weise, dass es Neues lernen und sich weiterentwickeln kann<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Wann immer ihm jemand etwas anbietet oder vorschl\u00e4gt, z.B. seinen L\u00f6ffel in die Sp\u00fclmaschine oder einen Klotz in einen Beh\u00e4lter zu r\u00e4umen, schl\u00e4gt Wang (15 Jahre) sich schreiend wiederholt mit der flachen Hand an den Kopf, so dass es knallt und seine Mutter (vor lauter Schreck) meist sofort von ihm abl\u00e4sst. Dann schnappt er sich das Handy und seine Bettdecke, zieht sie sich \u00fcber den Kopf und verzieht sich damit in sein Bett. Stundenlang jeden Tag. <\/em><\/p>\n<p>Hierbei handelt es sich um alle jene Verhaltensweisen, die aktive Beteiligung vermeiden, z. B.<\/p>\n<ul>\n<li>Verweigerung der Teilnahme mit Schreien, sich wehren oder &#8218;Nein, nein, nein!&#8216;<\/li>\n<li>vom Stuhl oder unter den Tisch rutschen, um zu entkommen<\/li>\n<li>repetitive Verhaltensweisen, z.B. wippen, mit den H\u00e4nden flattern<\/li>\n<li>Versteifen des K\u00f6rpers oder extreme Passivit\u00e4t, z. B. sich steif oder schlaff werden lassen\u00a0<\/li>\n<li>den Erwachsenen in Abwehr angreifen: bei\u00dfen, kratzen, schlagen, den Kopf nach hinten werfen<\/li>\n<li>den Kopf wegdrehen, wegschauen<\/li>\n<li>Schreien, Wutanf\u00e4lle, Weinen, Tr\u00e4nen<\/li>\n<li>Gegenst\u00e4nde werfen oder absichtlich kaputt machen, manchmal unter Lachen<\/li>\n<li>einn\u00e4ssen oder einkoten als Vermeidungsverhalten, um dann aufs Klo zu gehen<\/li>\n<li>scheinbar soziales Verhalten, Plaudern oder Reden, um sich nicht mit der Aufgabe zu besch\u00e4ftigen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Verhaltensweisen sollten urspr\u00fcnglich Stress und Angst vor Erwartungen und dem Gef\u00fchl \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Anforderungen an sein Verst\u00e4ndnis vermeiden, k\u00f6nnen aber dazu f\u00fchren, dass das Kind physisch oder emotional aus der Situation fl\u00fcchtet, die unerw\u00fcnschte Anforderung abwehrt oder kompensatorische, selbstbefriedigende Verhaltensweisen entwickelt, die die Situation f\u00fcr es ertr\u00e4glich machen. Aber wenn sie nicht zeitig durch eine R\u00fcckkehr zu angemessenem Spiel abgebaut werden, k\u00f6nnen diese urspr\u00fcnglichen Schutzma\u00dfnahmen leicht zu sich selbst aufrecht erhaltenden Gewohnheiten werden, fast wie eine Art Sucht, die das Kind in seiner eigenen vorhersehbaren Welt und Komfortzone festhalten, in der es sich sicher f\u00fchlt. Das Problem ist nur, dass sie es daran hindern, sich auf neue Erfahrungen einzulassen und lernen zu k\u00f6nnen, und sind eine der Hauptursachen f\u00fcr seine zunehmenden Entwicklungsverz\u00f6gerungen, Frustrationen und Lernschwierigkeiten.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong># Entwicklungshemmende Verhaltensweisen: <\/strong>Beharren auf dem Vertrauten<\/p>\n<p>Entwicklungshemmende Verhaltensweisen (Waldon nannte sie \u201aRetardation Behaviours\u2018) haben das Ziel, neue Erfahrungen zu vermeiden und auf dem Status Quo zu beharren. Sie treten typischerweise bei Kindern mit geringem Antrieb und wenig Motivation auf, die dazu neigen, sich m\u00f6glichst wenig anzustrengen und Abk\u00fcrzungen zu nehmen. Dadurch erhalten sie weniger Verst\u00e4rkung f\u00fcr ihre reduzierten Aktivit\u00e4ten, was ihre Motivation weiter senkt und in einer Abw\u00e4rtsspirale immer so weiter. Dies ist genau das Gegenteil von dem, was f\u00fcr eine optimale Lernentwicklung erforderlich ist.<\/p>\n<p>Das Kind klammert sich dabei so weit wie m\u00f6glich an das Bew\u00e4hrte und Vertraute und nutzt h\u00e4ufig Gegenst\u00e4nde, um diesen sicheren, angenehmen Effekt zu verst\u00e4rken, z. B.<\/p>\n<ul>\n<li>auf Gleichem und Vertrautem beharren, z. B. st\u00e4ndig etwas in der Hand halten, Gegenst\u00e4nde aneinanderreihen, T\u00fcrme bauen, Dinge drehen<\/li>\n<li>Abweichungen werden vermieden oder bek\u00e4mpft<\/li>\n<li>das &#8222;Tun&#8220; oder die Besch\u00e4ftigung mit einer Aufgabe wird vermieden oder aufgeschoben<\/li>\n<li>provozierendes oder triumphierendes Verhalten mit hohem Lustgewinn, z.B. Dinge schmei\u00dfen oder vom Tisch fegen, spucken, lachen, kreischen, Aufgaben verbl\u00f6deln<\/li>\n<li>Einsch\u00fcchterungsverhalten, z.B. pl\u00f6tzliches Kratzen, Kneifen, mit dem Kopf sto\u00dfen oder anderes aggressives, sowie auch auto-aggressives, Verhalten<\/li>\n<li>Negativit\u00e4t und Anti-Haltung, d.h. das Kind verweigert alles oder verkehrt alles in sein Gegenteil<\/li>\n<\/ul>\n<p>Schreien, Kreischen, Quietschen oder Dinge schmei\u00dfen ist vor allem bei non-verbalen Kindern oft eine reflexartige Reaktion, die sich sehr schnell als sehr wirkungsvoll erweist und schnell etablieren kann, wenn der Erwachsene das Kind jedes Mal ermahnt, mit dem Schreien sofort aufzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201aIch komme mit Taylor (9 Jahre) \u00fcberhaupt nicht weiter. Sobald ich eine Aktivit\u00e4t mit ihm anfangen will und Dinge auf den Tisch lege, legt er es nur darauf an, dies zu verhindern, indem er herumfl\u00e4zt, versucht die Dinge vom Tisch zu fegen oder durch den Raum zu schmei\u00dfen, mich an den Haaren zieht und dabei laut lacht, als sei dies ein wahnsinnig lustiges Spiel. F\u00fcr ihn. Aber f\u00fcr mich nicht. Inzwischen traue ich mich gar nicht mehr, irgendwas mit ihm machen zu wollen\u2018, klagt seine Mutter.<\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong># <\/strong><strong>Selbstentz\u00fcckungs-Verhaltensweisen:<\/strong>\u00a0Maximales Feedback bei minimaler Anstrengung<\/p>\n<p>Selbstentz\u00fcckungs-Verhaltensweisen (Waldon nannte sie <em>\u201eself-delighting behaviours\u201c<\/em>) zeichnen sich durch maximales Feedback, meist mit hohem Lustgewinn, bei minimalem Einsatz von Anstrengung aus. Sie erfordern weder Planung noch Anpassung, weder Risiko noch Lernen. Man k\u00f6nnte sie mit einer Art innerem Wellnessbereich vergleichen: einem Zustand, in dem es warm, vertraut und vorhersehbar ist, in dem sensorische Reize vom Kind selber genau dosiert und kontrollierbar sind, und in dem es sich wohl und zufrieden f\u00fchlt. Dies kann auch sensorische Empfindungen beinhalten, die wir vielleicht als unangenehm oder sogar schmerzhaft bewerten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>H\u00e4ufige Selbstentz\u00fcckungs-Verhaltensweisen sind z. B.<\/p>\n<ul>\n<li>schaukeln, sich drehen, mit den H\u00e4nden flattern, springen, h\u00fcpfen, rennen, vokalisieren<\/li>\n<li>Komfortzonen-Verhaltensweisen, um sensorische Wonnezust\u00e4nde herzustellen wie endloses Sch\u00fctten oder Rieseln (mit Wasser, Reis o.\u00e4.), Selbststimulation<\/li>\n<li>Kopf anschlagen, schreien, klopfen<\/li>\n<li>Bildschirmsucht und Medienkonsum<\/li>\n<\/ul>\n<p>W\u00e4hrend diese Verhaltensweisen ihren Ursprung meist als Schutzfunktion, zur Selbstregulation oder um \u00dcberforderung und innere Spannung abzubauen haben, beeintr\u00e4chtigen sie aber gleichzeitig die Entwicklung. Denn in diesem \u201eWohlf\u00fchlmodus\u201c sp\u00fcrt das Kind keine Notwendigkeit, Neues zu erkunden, Anstrengung auf sich zu nehmen oder sich auf Unvorhersehbares einzulassen. Lernen, Beziehung und Weiterentwicklung bleiben au\u00dfen vor, solange das Kind in diesem selbst erzeugten lustvollen R\u00fcckzugsraum verweilt.<\/p>\n<p>Da das Kind diese intensiven Sinneseindr\u00fccke und sensorischen Wonnezustande selbst und mit seinem eigenen K\u00f6rper erzeugen kann, k\u00f6nnen sie schnell zur Gewohnheit und wie eine Sucht werden. Kinder, die entdeckt haben, wie sie diese Sinnesreize selber in ihrem K\u00f6rper erzeugen k\u00f6nnen, bestehen oft darauf, viel oder sogar die meiste Zeit in ihren Wonnezust\u00e4nden zu verbringen, und sammeln infolgedessen keine neuen Erfahrungen und lernen nur wenig dazu. Das Kind ger\u00e4t so schnell in einen Teufelskreis und in eine Sackgasse, in der es keine anderen F\u00e4higkeiten und keine Toleranz f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung von Frustrationen entwickelt.<\/p>\n<p><em>Chandra (4 Jahre) nutzt jede Gelegenheit, im Badezimmer am Wasserhahn einen Becher voll laufen zu lassen und mit einem zweiten Becher hin und her zu sch\u00fctten. Jeden Tag. Seit fast 2 Jahren. Wenn man versucht, sie daran zu hindern, schreit und bei\u00dft sie.<\/em><\/p>\n<p>Wenn es daran gehindert wird, in seine angenehmen Komfort-Zonen-Verhaltensweisen einzutauchen, explodiert solch ein Kind schnell in heftigen Ausrastern oder Wutausbr\u00fcchen, da ihm die F\u00e4higkeiten und die Erfahrung fehlen, andere (weniger wonnige) Zust\u00e4nde zu tolerieren und damit umgehen zu k\u00f6nnen. Deshalb handelt es sich bei Selbstentz\u00fcckungsverhaltensweisen meist gleichzeitig auch um eine Form von selbsteinschr\u00e4nkendem Verhalten.<\/p>\n<p><strong><em>Alvaro (6 Jahre)<\/em><\/strong><em> verbringt jede Ergotherapiestunde in der Kirschkernkiste, taucht juchzend in die Kerne ein, sch\u00fcttet sie hin und her oder l\u00e4sst sie endlos rieseln, wobei er die Versuche der bem\u00fchten Heilp\u00e4dagogin, mit ihm in Kontakt oder ins gemeinsame Spiel zu kommen, gar nicht wahrzunehmen scheint. Wenn sie sich mehr aufdr\u00e4ngt, schaut er sie zwar an, aber schreit und setzt alles daran, sie zu bei\u00dfen oder zu kneifen. Erst seit sie die Funktion und Auswirkungen dieser Verhaltensweisen verstanden hat, konnte sie wieder handlungsf\u00e4hig werden und mit seinen Gef\u00fchlsausbr\u00fcchen verst\u00e4ndnisvoll und halt-gebend umgehen. Und die Kirschkernkiste zeitweise geschlossen halten.<\/em><\/p>\n<p>Manchmal gehen diese Verhaltensweisen auch mit einer Art Fetischisierung, d.h. einer extrem lustvollen und gleichzeitig zwanghaften Besetzung eines Gegenstands oder einer bestimmten Handlung einher, z.B. wenn ein Kind unbedingt nackte F\u00fc\u00dfe, oder Beine in Nylonstrumpfhosen anfassen oder alles schmei\u00dfen \u201amuss\u2018, auch mit 13 Jahren noch auf einer Windel beharrt oder es darauf anlegt, jeder Frau an die Brust zu greifen. Diese zwanghaft gewordenen Gewohnheiten zu \u00fcberwinden kann oft sehr problematisch, anstrengend und langwierig sein.<\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong># Anstrengungsvermeidende Verhaltensweisen: <\/strong>Aufgaben so schnell wie m\u00f6glich hinter sich bringen<\/p>\n<p>W\u00e4hrend kleine Kinder die Anstrengung suchen, um sich dabei k\u00f6rperlich zu sp\u00fcren, und zufrieden sind, wenn sie das Gef\u00fchl haben <em>\u201aIch kann etwas tun und bewirken\u2018,<\/em> ist bei \u201aFr\u00fchen\u2018 Kinder meist das Gegenteil, d.h. anstrengungsvermeidendes Verhalten, zu beobachten. Hierbei handelt es sich um\u00a0Abk\u00fcrzungsverhaltensweisen, die den Erfahrungsbereich des Kindes oft sehr einschr\u00e4nken, da der Fokus nicht auf das Tun und die eigene Erfahrung, sondern auf das Fertigwerden gerichtet ist, d.h. das Kind macht<\/p>\n<ul>\n<li>Aufgaben so schnell wie m\u00f6glich, um \u201aes\u2018 hinter sich zu bringen, z.B. greift so viele Dinge wie m\u00f6glich auf einmal<\/li>\n<li>so wenig wie m\u00f6glich, z. B. nur mit einer Hand, oder auf einen Arm gest\u00fctzt<\/li>\n<li>kleinere schlaffe Bewegungen, einschlie\u00dflich Dinge vom Tisch wischen, weg- oder daneben schmei\u00dfen oder einfach fallen lassen<\/li>\n<li>nur das n\u00f6tigste, ohne sich anzustrengen<\/li>\n<li>tut so, als ob es mitmachen w\u00fcrde (aber nicht im Sinne von symbolischem Als-ob-Spiel!)<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>\u201aAls ich angefangen habe, mit ihm Waldon zu machen, wollte Kilian (13 Jahre) alles immer \u201aschnell schnell\u2018 machen, wie um es einfach so schnell wie m\u00f6glich hinter sich zu bringen, oder indem er versuchte, mehrere Kl\u00f6tze gleichzeitig zu nehmen. Es hat einige Zeit gedauert, bis er sich entspannen und wirklich wahrnehmen konnte, was er macht und was da vor ihm passiert. Anfangs musste ich ihn deshalb sehr klar und eindeutig f\u00fchren, damit er aus diesem eingefahrenen Muster herausfinden konnte.\u2018, berichtet seine Mutter.<\/em><\/p>\n<p>Manche Kinder nutzen die Tatsache, dass sie sprechen k\u00f6nnen dazu, mehr zu reden und weniger zu tun. H\u00e4ufige Ablenkungsman\u00f6ver bestehen darin, ununterbrochen Fragen oder Bedingungen zu stellen, zu sch\u00e4kern oder den Erwachsenen in einen Dialog oder Streit zu verwickeln, um von der aktuellen T\u00e4tigkeit abzulenken. Auf diese Weise f\u00fchren solche anstrengungsvermeidenden Gewohnheiten ebenfalls schnell in einen Teufelskreis: denn\u00a0weniger Einsatz bedeutet weniger Erfahrungen,\u00a0was wiederum dazu f\u00fchrt, dass das Kind sein allgemeines Verstehen nicht weiterentwickelt, so dass die sekund\u00e4ren Einschr\u00e4nkungen des Kindes weiter zunehmen.\u00a0<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p># <strong>Sackgassen-<\/strong><strong>Gewohnheiten<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dferdem l\u00e4sst sich noch die Kategorie der Sackgassen-Gewohnheiten beschreiben, d.h. Aktivit\u00e4ten oder Verhaltensweisen, die in Bezug auf die Lernentwicklung nirgendwohin f\u00fchren, und eine Art von entwicklungshemmenden Verhaltensweisen darstellen. Hierbei handelt es sich um repetitive und restriktive Verhaltensmuster,\u00a0die dem Kind meistens auf eine gewisse Art und Weise viel Spa\u00df machen, -weil sie angenehm sind und nur wenig oder gar keine Anstrengung erfordern, aber kaum neue Erfahrungen generieren. Aufgrund ihres repetitiven Charakters, und des intensiven Widerstands des Kindes gegen Variationen und neue Erfahrungen, werden diese Aktivit\u00e4ten immer enger und restriktiver, &#8211; und k\u00f6nnen sich wie eine selbst geschaffene Zwangsjacke auswirken, aus der das Kind alleine nicht mehr herauskommt.<\/p>\n<p>Hierbei handelt es sich oft auch um Verhaltensweisen, die von den Erwachsenen im Umfeld des Kindes (irrt\u00fcmlicherweise) f\u00fcr fortgeschrittener gehalten werden als freies exploratives Spiel, und deshalb oft sehr gesch\u00e4tzt und gef\u00f6rdert werden, wie z. B.<\/p>\n<ul>\n<li>Benennen und Aneinanderreihen von\u00a0Buchstaben, Zahlen, Farben, Formen<\/li>\n<li>Teller oder andere Dinge drehen und zum Kreiseln bringen<\/li>\n<li>T\u00fcrme bauen\u00a0und umwerfen, um Erregung zu erzeugen<\/li>\n<li>Bilderb\u00fccher durchbl\u00e4ttern\u00a0als Komfortzone, oft auch ohne die Bilder wirklich anzuschauen<\/li>\n<li>Holzeisenbahnspiele, Autorennstrecken\u00a0oder Kugelbahnen mit vorgefertigten Teilen, bei denen die Variationsm\u00f6glichkeiten sehr begrenzt sind, z.B. wenn das Kind Z\u00fcge oder Murmeln nur herumrollt<\/li>\n<li>Elektronik und Computerspielzeug, z.B. iPad, Spielzeug mit Tasten zum Dr\u00fccken, Tiptoi, youtube-Videos auf Englisch (besonders, wenn Englisch nicht die Landessprache oder umgebende Kultur ist),<\/li>\n<li>Beharren auf st\u00e4ndiger Hintergrundmusik wie &#8222;auditive Tapeten&#8220;, z.B. Fernseher muss immer an sein, Kinderreime in Dauerschleife, Tony Box, &#8230;\u00a0<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>\u201aManfred (5 Jahre) liebt es Dinge zum Kreiseln zu bringen. Er ist echt super darin. Viel besser als ich\u2018, berichtet seine Mutter voller Stolz in der Stimme. Allerdings ist das das Einzige, was er macht, jeden Tag und fast den ganzen Tag.<\/em><\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Schutzstrategien als solche verstehen<\/strong><\/p>\n<p>Manche Kinder sagen sogar vielleicht \u201eFertig! Fertig!\u201c, um Aktivit\u00e4t und Beteiligung schnell zu beenden:<\/p>\n<p><em>Wenn man J\u00fcrgen (8 Jahre) \u00fcberhaupt dazu bewegen konnte, sich hinzusetzen und sich auf eine Aktivit\u00e4t einzulassen, z.B. Ringe in ein Muffinblech zu legen und sie anschlie\u00dfend auf einen Stab zu stecken, zeigte sich schnell, wie fragil dieser Moment war. Sobald etwas nicht sofort funktionierte oder auch nur minimal anders verlief als erwartet, schrie er sofort \u201eFertig! Fertig!\u201c und sprang auf, um wieder hin- und herzurennen.<\/em><\/p>\n<p>Dieses Verhalten ist kein Trotz oder bewusste Verweigerung, sondern eine \u00e4u\u00dferst effektive Schutzstrategie, die zur Gewohnheit geworden ist. Das abrupte Abbrechen der Situation erm\u00f6glicht es dem Kind, \u00dcberforderung sofort zu beenden und wieder einen sensorisch vertrauten Zustand innerer Sicherheit herzustellen. Bewegung, Flucht und Wiederholung sind f\u00fcr ihn schneller verf\u00fcgbar als Aushalten, Wahrnehmen oder Verarbeiten.<\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wenn der Notausgang zur Sackgasse wird<\/strong><\/p>\n<p>Genau hier liegt jedoch eine zentrale Entwicklungsfalle: Jedes Mal, wenn auf dieses \u201eFertig!\u201c reagiert wird, durch Abbruch, Nachgeben oder den Wechsel zu etwas Vertrautem, best\u00e4tigt sich f\u00fcr das Kind unbewusst die Erfahrung, dass Vermeidung ein gut funktionierender Weg ist. Auf diese Weise verfestigt sich das Verhalten immer mehr, w\u00e4hrend gleichzeitig die F\u00e4higkeit, in einer Situation zu bleiben, leichte Irritationen auszuhalten und neue Erfahrungen zu integrieren, kaum wachsen kann. \u00dcber Jahre hinweg f\u00fchrt diese Dynamik in eine massive Entwicklungssackgasse, in der Tyler, Wang, Manfred und J\u00fcrgen auch Jahre sp\u00e4ter noch feststecken. Nicht, weil sie nicht lernen k\u00f6nnten, sondern weil sie nie die Gelegenheit erhielten, die daf\u00fcr notwendigen k\u00f6rperlich-sensorischen sowie emotionalen Grundlagen aufzubauen. Lernen wird so untrennbar mit Stress verkn\u00fcpft, und Vermeidung mit Erleichterung.<\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Wenn Entwicklung mehr Begleitung braucht<\/strong><\/p>\n<p>Die Waldon-Methode setzt genau an diesem Punkt einen anderen Schwerpunkt. Sie reagiert nicht auf das Vermeidungsverhalten, sondern unterl\u00e4uft es, indem sie dem Kind \u00fcber klare, wiederholte Bewegungsangebote Halt, Vorhersagbarkeit und k\u00f6rperliche Sicherheit vermittelt, und zwar ohne etwas zu sagen, zu erkl\u00e4ren oder die Aufmerksamkeit darauf zu richten.<\/p>\n<p><em>Kilians (inzwischen 15 Jahre) Mutter ist dies gelungen, so dass er 2 Jahre sp\u00e4ter gerne am Tisch sitzt und fast eine ganze Stunde f\u00fcr eine Waldon-Einheit mit ihr Dinge wie Kl\u00f6tze oder Ringe hin und herr\u00e4umt, mit handgehaltenen Werkzeugen den Raum um ihn herum durch Klopfen und Schaben erkundet, und sich ungeheuer freut, dass er etwas kann und versteht, weil er seine Greif- und Bewegungsf\u00e4higkeiten entwickeln konnte.<\/em><\/p>\n<p><strong><\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Funktionen von Verhalten verstehen<\/strong><\/p>\n<p>Keine dieser Verhaltensweisen ist bewusst intendiert oder gewollt, und es ist wichtig, die Gr\u00fcnde und Funktionen dieser Verhaltensreaktionen zu verstehen. Nur wer erkennt, welche Funktion ein Verhalten erf\u00fcllt, kann einf\u00fchlsam reagieren und das Kind in seiner Entwicklung von Lernen und Verhalten unterst\u00fctzen. Das hei\u00dft auch, unsere eigenen Gef\u00fchle, Erwartungen und Reaktionen zu reflektieren, denn erst dann k\u00f6nnen wir dem Kind wirklich helfen, Vertrauen zu fassen und neue Erfahrungen zuzulassen. Letztlich geht es nicht um das \u201eWegmachen\u201c von Verhalten, sondern darum, Sicherheit zu erm\u00f6glichen, damit das Kind sich \u00f6ffnen, Neues ausprobieren und ins Lernen kommen kann.<\/p>\n<p>Auch kann das gleiche Verhalten alle diese Funktionen erf\u00fcllen. Beispielsweise kann das Kreiseln lassen von Gegenst\u00e4nden ein typisches Verhalten f\u00fcr 12 Monate (obwohl es, wie Waldon betont, oft als \u201efortgeschrittener\u201d angesehen wird) sowie ein selbsteinschr\u00e4nkendes Verhalten sein, das mobilisiert wird, um schnell eine positive Verst\u00e4rkung zu erzeugen, um einer negativen Verst\u00e4rkung (pl\u00f6tzliche Angst) entgegenzuwirken. Es kann sich um ein entwicklungshemmendes Verhalten handeln, dem Kinder mit einem stark eingeschr\u00e4nkten Verhaltensrepertoire h\u00e4ufig fr\u00f6nen. Und es ist eine klassische<em> Sackgassen<\/em>gewohnheit. Der Klarheit zuliebe ist es daher manchmal sinnvoll, die selbsteinschr\u00e4nkenden oder entwicklungshemmenden Funktionen zu beschreiben.<\/p>\n<p><em>Kapitel aus: Mit autistischen Kindern lernen zu lernen. Sibylle Janert (2026, Reinhard Verlag)<\/em><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n<span class=\"et_bloom_bottom_trigger\"><\/span>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr kognitive Entwicklung und Lernen sind die Vermeidungs- und Abwehrstrategien, die ein Kind entwickelt hat, um sich vor \u00dcberforderung zu sch\u00fctzen. Wenn man sich als Begleiter dessen bewusst ist, er\u00f6ffnen sich ganz neue Wege zu Verst\u00e4ndnis und Umgang, so dass sich manche dieser die Entwicklung einschr\u00e4nkenden Verhaltensweisen gar nicht erst entwickeln m\u00fcssen. 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