Das Werfen von Gegenständen, von der Trinkflasche über Spielzeug bis hin zu Essen, Geschirr oder sogar Kot, kann Betreuer und Therapeuten „Früher“ Kinder vor große Herausforderungen stellen. Weil das Kind dabei häufig ausgelassen lacht und es so lustig zu finden scheint, wird es von Erwachsenen, vor allem wenn sie das Kind nur 1-mal pro Woche für eine Therapiestunde oder bis zum Schuleintritt sehen, zunächst oft als spielerisch, harmlos oder altersentsprechend eingeordnet. Manche Kinder werfen sehr gezielt und akkurat, was Eltern und andere Betreuer oft mit großem Stolz erfüllt.

 

Aber wenn die Lust am Werfen nach einigen Wochen nicht wie erhofft von anderen Verhaltensweisen und Interessen abgelöst worden ist, oder sich auf erlaubtes Wurfmaterial und bestimmte Orte umlenken lässt, dann wird zunehmend deutlich, dass es sich aus entwicklungspsychologischer Perspektive um ein ernst zu nehmendes Problem handelt, das alles andere als lustig ist. Denn der Versuch, dem Kind zu erklären oder beizubringen, was es wann wo und wie werfen darf oder nicht, schlägt oft fehl.

 

Taylor (9 Jahre, zwei-sprachig, aber meist non-verbal) findet es seit Jahren sehr lustig, alles, was er in die Hand nimmt sofort und zielsicher zu schmeißen, – am liebsten Dinge aus Glas in Fenster (sie sind schon seit langem alle mit Netzen versehen). Er war so schnell darin, alles sofort von sich zu schleudern, dass auch die hinzugezogenen  Experten keinen anderen Weg sahen, als den verzweifelten Eltern als letztes Mittel zu raten, ihm jedes Mal den Arm auf den Rücken zu drehen, sobald er wieder etwas geschmissen hatte. Aber auch das führte nicht zum Erfolg. Im Gegenteil: sobald seine Hand wieder frei war, flog der nächste Gegenstand durchs Zimmer, oder ins Fenster.

 

Von der Fortbewegung zum Erkunden mit den Händen

Die menschliche Fähigkeit zu werfen ist eng mit der Entwicklung der Zweifüßigkeit verbunden. Erst durch den aufrechten Gang werden Arme und Hände von der Fortbewegungsfunktion frei und können für gezielte Manipulation von Gegenständen, Werkzeuggebrauch und komplexe Wurfbewegungen als sportliche Leistung genutzt werden. Bleiben frühe Entwicklungsstufen der körperlichen Organisation und sensorischen Integration eines Kindes aber unvollständig, zeigt sich dies im Bewegungsverhalten, – unter anderem im Werfen, dem dann eine ganz andere Bedeutung zukommt als Werfen als Spiel.

 

‚Frühe‘ Kinder und der Gebrauch ihrer Hände

Die Hände der meisten ‚Frühen‘ Kinder dienen ihnen oft weniger zum Erkunden, Greifen, Gestalten oder absichtsvollen Gebrauch von Werkzeugen, sondern werden meist entweder zu sensorischem streichelndem Befühlen oder für repetitive, entladende Bewegungen zur Spanungsabfuhr eingesetzt.

Wenn man dies versteht, verschiebt sich der Fokus darauf, das Kind dabei zu unterstützen, unzureichend entwickelte frühe Greif- und Bewegungsgrundlagen nach- und aufzuholen.

 

Denn ‚Frühe‘ Kinder, die häufig Dinge werfen, zeigen typischerweise eingeschränkte Fähigkeiten früher grundlegender Bewegungsmuster wie

  • das differenzierte, bewusste Greifen und Loslassen
  • ein stabiler Kraftgriff, um Dinge oder ein Werkzeug halten und benutzen zu können
  • Hand-Hand- und Hand-Auge-Koordination
  • visuell-räumliche Wahrnehmung und Raumnutzung

 

Lustvolles Wegschleudern als Reflex

Wenn ‚Frühe‘ Kinder Dinge werfen, ist dies meistens nicht Ausdruck einer interaktiven Spielintention, sondern in Wirklichkeit eine Art Reflex mit dem Fokus auf der sensorischen Genugtuung des Spürens von Schwung und dem danach erwarteten visuell-auditiven Aufpralls im Raum, sowie den vorhersehbaren interaktiven Reaktionen und ‚Feuerwerk‘ anwesender Betreuer, meist am Punkt des Aufpralls.

 

Meist handelt es sich nicht um bewusstes Werfen und Loslassen, sondern um ein reflexhaftes Abstoßen und von sich Wegschleudern von Dingen, oder eine Art von ‚Fallenlassen mit Schwung‘, so dass das Objekt

  1. schnell und anstrengungslos aus der Hand (und dem Bewusstsein) verschwindet
  2. einen garantierten visuell-auditiven Aufprall verursacht
  3. die allgemeine Aufmerksamkeit auf einen vom Kind entfernten Ort (des Aufpralls) verlagert
  4. ein vorhersagbares soziales Spektakel der anwesenden Erwachsenen nach sich zieht

 

Werfen statt Tun als abgebrochene Entwicklung

Diese Art des lustvollen Schmeißens ‚Früher‘ Kindern lässt sich auch als eine Art abgebrochene Vorstufe der grundlegenden frühen Bewegungsform von Klopfen & Schlagen und Werkzeuggebrauch verstehen. Das Kind ergreift einen Gegenstand. Aber da ihm die grundlegenden Bewegungsmuster fehlen, um den Gegenstand festhalten und geschickt in Beziehung mit der Umwelt bringen zu können, wird das Kind die damit einhergehenden unangenehmen Gefühle umgehend los, indem er den Gegenstand von sich weg katapultiert.

 

Taylor (inzwischen 14 Jahre) ist beim Nehmen und Ablegen in einen Teufelskreis von lustvollem Werfen geraten, das sich seit Jahren entwicklungshemmend auswirkt. Trotz seines 2-sprachigen Entwicklungspotentials gelang es weder Eltern noch Schule, ihn daraus zu befreien. Fast nie macht er die Erfahrung, einen Gegenstand lange genug in den Händen zu halten, um damit etwas machen und dadurch neue Erfahrungen sammeln und etwas lernen zu können. Aus Sicherheitsgründen verbringt er seine kurze Zeit in der Schule deshalb mit seiner 1-1 Begleitung in einem leeren Raum, und redet. Aber Lernen tut er dort nichts. Und schrecklicherweise schmiert er mittlerweile mit seiner Kacke.

 

Aus dem wiederholten lustvollen Werfen ergeben sich 2 große Probleme:

  1. Wenn der Gegenstand nicht mehr da ist, kann das Kind keine neuen Erfahrungen damit mehr machen, von denen es etwas lernen und seine Greiffähigkeiten weiterentwickeln könnte.
  2. Das Wegwerfen garantiert ein vorhersagbares intensives, emotional aufgeladenes Reaktionsmuster der Erwachsenen vor Ort wie Schimpfen, Zurufe, hektische Bewegungen, Chaos und Getöse.

 

Dadurch entsteht ein wiederkehrendes, vorhersehbares „Theaterprogramm“ der Erwachsenen, bei dem das Kind von jeglichem Handlungsdruck befreit als belustigter Zuschauer einfach nur dem Getöse zuschauen kann, ohne selber etwas machen zu müssen.

 

Das pädagogische Spektakel

Zwar meinen die beteiligten Erwachsenen mit ihrem Schimpfen, Erklären und Strafen eine Änderung in diesem herausfordernden Verhalten zu erzielen. Da viele „frühe“ Kinder aber auditive Verarbeitungsschwierigkeiten haben, nehmen sie meist vor allem das aufregende Durcheinander an Stimmen, aufgeregten Bewegungen und Emotionen wahr, nicht aber die Worte, Erklärungen oder Appelle an ihre Vernunft. Im Gegenteil, – das Kind erlebt das vorhersagbare Post-Wurfgetöse und Spektakel als Freiraum, in dem es keinen Erwartungen oder Anforderungen ausgesetzt ist. Statt sich mit der eigentlichen Aufgabe auseinanderzusetzen und ins Tun zu kommen, gerät das Kind in die Rolle eines Zuschauers von einem vorhersehbaren, spannungsreichen Schauspiel.

 

Dies kann leicht dazu führen, dass das Kind vor allem lernt, dass sein ‚lustiges‘ explosives Werfen ihm viel sofortige und aufregende Aufmerksamkeit garantiert, wenn die Erwachsenen sich erschrecken, viel und laut reden, erklären, es ermahnen oder, meist aus der Entfernung, laut ‚Nein! Nicht werfen!‘ rufen. Gleichzeitig passiert viel, ohne dass das Kind selber etwas tun oder sich anstrengen müsste, wenn der Erwachsene sich dem Kind und dann dem Geworfenen zuwendet, es aufhebt und dabei jedes Mal wieder erklärt, dass man das nicht machen darf oder fragt ‚Warum hast du das wieder gemacht?‘ Leider verstärken und stabilisieren diese Reaktionen der Erwachsenen in Wirklichkeit das Verhalten des Kindes, da es zuverlässig Aufmerksamkeit und Aufregung erzeugt und zugleich von jeglicher Tätigkeit ablenkt. Das erklärt auch, warum das Verhalten für das Kind oft so lustig wirkt, für die Umgebung jedoch belastend oder destruktiv ist: denn ‚Frühen‘ Kindern fehlt die Einbettung in eine gemeinsame Bedeutung oder soziale Zielsetzung.

 

Abgrenzung zu Ballspielen

Anders als bei Ballspielen, die sozial, zielgerichtet und kooperativ sind, handelt es sich beim impulsiven Werfen ‚Früher‘ Kinder nicht um einen Dialog mit einem Spielpartner, sondern um ein repetitives und selbstbezogenes Sackgassenverhalten.

 

Im Allgemeinen setzen Ballspiele interaktive Entwicklungsleistungen voraus, die bei den meisten ‚Frühen‘ Kinder noch nicht, oder nur unzureichend, entwickelt sind:

  • soziale Orientierung und Kooperation
  • Interesse an Dialog und Miteinander, Bewusstsein von Ich und Du
  • gemeinsamer Fokus auf ein Spiel oder Ziel
  • Einschätzung von Distanz, Kraft und Richtung
  • Verständnis von Ursache und Wirkung
  • Berücksichtigung von Regeln und Konsequenzen
  • Gefahreneinschätzungsvermögen

 

Wenn es dem Kind aber egal ist, was sein Gegenüber meint oder von ihm möchte, oder es ihn (noch) nicht als fühlenden Mitmenschen mit eigenen Bedürfnissen wahrnimmt und gut mit ihm in Beziehung ist (d.h. solide auf FEDC 1-4 im Floortime-Modell), dann ist Werfen kein lustiges Spiel, – sondern in vielfacher Weise gefährlich und muss von den Betreuern aktiv begrenzt und so gut wie möglich eingeschränkt werden, anstatt zu erwarten, dass das Kind selber hierzu in der Lage wäre. .

 

 

 

Warum Reagieren das Werfen verstärkt

Aus diesem Grund ist es weder pädagogisch sinnvoll, zu versuchen, das Werfen zu verbieten oder zu sanktionieren, noch es einfach zu tolerieren und zu hoffen, dass das Kind es von selber aufgeben wird. Passives Tolerieren von gewohnheitsmäßigem Werfen übersieht meistens, dass es sich nicht um reifes Spielverhalten, sondern um einen Hinweis auf fehlende Entwicklungsgrundlagen handelt.

 

Hier lässt sich das gewohnheitsmäßige lustvolle Werfen als Selbstentzückungs- sowie anstrengungsvermeidendes Verhalten erkennen, und wie diese Aspekte schnell zu einem selbstbehindernden und entwicklungshemmenden Sackgassen-Verhalten mutieren können.

 

Wenn wir also interaktiv auf das Kind und sein Werfen eingehen, verstärken wir vor allem diese anstrengungsvermeidenden und entwicklungshemmenden Stimulus-Reaktions-Muster, d.h. was das Kind so lustig findet. Denn ein solcher Reflex ist unbewusst und nicht absichtsvoll, d.h. das Verhalten lässt sich nicht über Erklären oder Vernunftappelle steuern.

 

Stille Führung statt Theaterreaktion

Was das Kind braucht ist unsere aktive Hilfe, um die zugrunde liegenden Bewegungsmuster gezielt zu entwickeln: über Bewegung und Ganzkörperkoordination, Greifen und Werkzeuggebrauch und sinnvolles, erfahrungsbasiertes Hantieren mit Gegenständen und haltgebende Erfahrungen von Rhythmus und Wiederholung, die Sicherheit und Selbstwirksamkeit vermitteln. Damit das Werfen seinen einfachen Reiz verlieren kann, sollte man so gut wie möglich versuchen, das Werfen zu verhindern, z.B. indem man für einige Tage die volle Verantwortung für die Hände des Kindes übernimmt und sich darum kümmert, dass Werfen einfach nicht geschehen kann. Oder man bietet hauptsächlich Tücher, Schwämme, Lappen und andere weiche Spielmaterialien an, die unbefriedigend zu schmeißen sind, schlecht fliegen und beim Aufprall kein Geräusch machen.

 

Vor allem aber ist es dringend notwendig, Schreckreaktionen, hektische Bewegungen, aufgeregte Ermahnungen und Sprechen überhaupt zu vermeiden, die das Kind so lustig findet, weil es weiß, dass der Erwachsene jetzt sein übliches Theaterprogramm abspulen wird. Indem wir nicht oder minimal reagieren und uns so gut es geht um die Hände des Kindes kümmern, um Werfen, wenn möglich nicht zustande kommen zu lassen, beginnen wir neue Nervenbahnen und Erwartungsmuster zu entwickeln, die Entwicklung fördern, um das Kind aus seinen ‚lustigen‘ Sackgassengewohnheiten herauszuführen.

 

Hierzu sind regelmäßige Waldon-Einheiten in vieler Hinsicht optimal geeignet. Denn durch das schweigende Tun in Verbindung mit Rhythmus und Wiederholung können wir dem Kind kommunizieren, dass es jetzt gerade nicht um Interaktion geht oder lustig ist, durch Werfen ein Pandämonium, Chaos und Getöse zu inszenieren, sondern dass wir uns mit dem Persönlichkeitsanteil des Kindes verbünden, der etwas tun, bewirken und sich entwickeln kann. Auf diese Weise können wir ihm helfen, sich gegen die inneren Kräfte anstrengungsvermeidender und entwicklungshemmender Sackgassengewohnheiten zu stemmen, die es dazu verleiten wollen, sich einen Spaß daraus zu machen, Dinge zu schmeißen, Aufgaben zu veralbern und sich darüber zu amüsieren, das seinen gewohnten Status Quo aufrecht erhält und mental-emotionales Wachstum und Veränderung verhindert. Eine solche stille und verständnisvolle Vorgehensweise kann manchmal in kurzer Zeit zu großen Veränderungen führen.

 

 

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