Das größte Hindernis für kognitive Entwicklung und Lernen sind die Vermeidungs- und Abwehrstrategien, die ein Kind entwickelt hat, um sich vor Überforderung zu schützen. Wenn man sich als Begleiter dessen bewusst ist, eröffnen sich ganz neue Wege zu Verständnis und Umgang, so dass sich manche dieser die Entwicklung einschränkenden Verhaltensweisen gar nicht erst entwickeln müssen.

Mit solchen, vollkommen unbewussten, Mechanismen versucht das Kind seine primären Schwierigkeiten zu kompensieren und seinen vertrauten „Status quo“, in dem es sich sicher fühlt, beizubehalten. Dadurch vermeidet es aber gleichzeitig neue Erfahrungen, die als senso-motorische Basis notwendig wären, um sein Lernen zu erweitern oder überhaupt erst zu entwickeln.

# Selbsteinschränkende Verhaltensweisen: Vermeidung der Konfrontation mit dem Unbekannten

Zweck der selbsteinschränkenden Verhaltensweisen (Waldon nannte sie ‚Self-Handicapping Behaviours‘) ist die Konfrontation mit dem Unbekannten zu vermeiden und zu verhindern, indem sich das Kind von außen kommenden Anforderungen entzieht, meist unter Einsatz des eigenen Körpers. Der zugrunde liegende Vorgang lässt sich ungefähr so beschreiben:

  1. Das Kind erlebt sich selbst auf irgendeine Weise als beeinträchtigt, z.B. weil es nicht versteht, Angst hat oder ihm etwas sensorisch unangenehm ist.
  2. Es fühlt sich deshalb verunsichert, gestresst. beschämt oder es ist ihm peinlich,
  3. und versucht daher, dieses unangenehme Gefühl zu vermeiden oder sich nicht zu blamieren, indem es der Situation ausweicht, d.h.
  4. es nimmt so sozusagen ‚Zuflucht‘ in dem Gefühl des „kann ich nicht“, um Unbehagen, Unsicherheit, Scham und Angst zu überspielen. 
  5. Infolgedessen vermeidet das Kind neue Erfahrungen und Aktivitäten, und
  6. verhindert auf diese Weise, dass es Neues lernen und sich weiterentwickeln kann

Wann immer ihm jemand etwas anbietet oder vorschlägt, z.B. seinen Löffel in die Spülmaschine oder einen Klotz in einen Behälter zu räumen, schlägt Wang (15 Jahre) sich schreiend wiederholt mit der flachen Hand an den Kopf, so dass es knallt und seine Mutter (vor lauter Schreck) meist sofort von ihm ablässt. Dann schnappt er sich das Handy und seine Bettdecke, zieht sie sich über den Kopf und verzieht sich damit in sein Bett. Stundenlang jeden Tag.

Hierbei handelt es sich um alle jene Verhaltensweisen, die aktive Beteiligung vermeiden, z. B.

  • Verweigerung der Teilnahme mit Schreien, sich wehren oder ‚Nein, nein, nein!‘
  • vom Stuhl oder unter den Tisch rutschen, um zu entkommen
  • repetitive Verhaltensweisen, z.B. wippen, mit den Händen flattern
  • Versteifen des Körpers oder extreme Passivität, z. B. sich steif oder schlaff werden lassen 
  • den Erwachsenen in Abwehr angreifen: beißen, kratzen, schlagen, den Kopf nach hinten werfen
  • den Kopf wegdrehen, wegschauen
  • Schreien, Wutanfälle, Weinen, Tränen
  • Gegenstände werfen oder absichtlich kaputt machen, manchmal unter Lachen
  • einnässen oder einkoten als Vermeidungsverhalten, um dann aufs Klo zu gehen
  • scheinbar soziales Verhalten, Plaudern oder Reden, um sich nicht mit der Aufgabe zu beschäftigen

Diese Verhaltensweisen sollten ursprünglich Stress und Angst vor Erwartungen und dem Gefühl übermäßiger Anforderungen an sein Verständnis vermeiden, können aber dazu führen, dass das Kind physisch oder emotional aus der Situation flüchtet, die unerwünschte Anforderung abwehrt oder kompensatorische, selbstbefriedigende Verhaltensweisen entwickelt, die die Situation für es erträglich machen. Aber wenn sie nicht zeitig durch eine Rückkehr zu angemessenem Spiel abgebaut werden, können diese ursprünglichen Schutzmaßnahmen leicht zu sich selbst aufrecht erhaltenden Gewohnheiten werden, fast wie eine Art Sucht, die das Kind in seiner eigenen vorhersehbaren Welt und Komfortzone festhalten, in der es sich sicher fühlt. Das Problem ist nur, dass sie es daran hindern, sich auf neue Erfahrungen einzulassen und lernen zu können, und sind eine der Hauptursachen für seine zunehmenden Entwicklungsverzögerungen, Frustrationen und Lernschwierigkeiten.   

# Entwicklungshemmende Verhaltensweisen: Beharren auf dem Vertrauten

Entwicklungshemmende Verhaltensweisen (Waldon nannte sie ‚Retardation Behaviours‘) haben das Ziel, neue Erfahrungen zu vermeiden und auf dem Status Quo zu beharren. Sie treten typischerweise bei Kindern mit geringem Antrieb und wenig Motivation auf, die dazu neigen, sich möglichst wenig anzustrengen und Abkürzungen zu nehmen. Dadurch erhalten sie weniger Verstärkung für ihre reduzierten Aktivitäten, was ihre Motivation weiter senkt und in einer Abwärtsspirale immer so weiter. Dies ist genau das Gegenteil von dem, was für eine optimale Lernentwicklung erforderlich ist.

Das Kind klammert sich dabei so weit wie möglich an das Bewährte und Vertraute und nutzt häufig Gegenstände, um diesen sicheren, angenehmen Effekt zu verstärken, z. B.

  • auf Gleichem und Vertrautem beharren, z. B. ständig etwas in der Hand halten, Gegenstände aneinanderreihen, Türme bauen, Dinge drehen
  • Abweichungen werden vermieden oder bekämpft
  • das „Tun“ oder die Beschäftigung mit einer Aufgabe wird vermieden oder aufgeschoben
  • provozierendes oder triumphierendes Verhalten mit hohem Lustgewinn, z.B. Dinge schmeißen oder vom Tisch fegen, spucken, lachen, kreischen, Aufgaben verblödeln
  • Einschüchterungsverhalten, z.B. plötzliches Kratzen, Kneifen, mit dem Kopf stoßen oder anderes aggressives, sowie auch auto-aggressives, Verhalten
  • Negativität und Anti-Haltung, d.h. das Kind verweigert alles oder verkehrt alles in sein Gegenteil

Schreien, Kreischen, Quietschen oder Dinge schmeißen ist vor allem bei non-verbalen Kindern oft eine reflexartige Reaktion, die sich sehr schnell als sehr wirkungsvoll erweist und schnell etablieren kann, wenn der Erwachsene das Kind jedes Mal ermahnt, mit dem Schreien sofort aufzuhören.

‚Ich komme mit Taylor (9 Jahre) überhaupt nicht weiter. Sobald ich eine Aktivität mit ihm anfangen will und Dinge auf den Tisch lege, legt er es nur darauf an, dies zu verhindern, indem er herumfläzt, versucht die Dinge vom Tisch zu fegen oder durch den Raum zu schmeißen, mich an den Haaren zieht und dabei laut lacht, als sei dies ein wahnsinnig lustiges Spiel. Für ihn. Aber für mich nicht. Inzwischen traue ich mich gar nicht mehr, irgendwas mit ihm machen zu wollen‘, klagt seine Mutter.

# Selbstentzückungs-Verhaltensweisen: Maximales Feedback bei minimaler Anstrengung

Selbstentzückungs-Verhaltensweisen (Waldon nannte sie „self-delighting behaviours“) zeichnen sich durch maximales Feedback, meist mit hohem Lustgewinn, bei minimalem Einsatz von Anstrengung aus. Sie erfordern weder Planung noch Anpassung, weder Risiko noch Lernen. Man könnte sie mit einer Art innerem Wellnessbereich vergleichen: einem Zustand, in dem es warm, vertraut und vorhersehbar ist, in dem sensorische Reize vom Kind selber genau dosiert und kontrollierbar sind, und in dem es sich wohl und zufrieden fühlt. Dies kann auch sensorische Empfindungen beinhalten, die wir vielleicht als unangenehm oder sogar schmerzhaft bewerten würden.

Häufige Selbstentzückungs-Verhaltensweisen sind z. B.

  • schaukeln, sich drehen, mit den Händen flattern, springen, hüpfen, rennen, vokalisieren
  • Komfortzonen-Verhaltensweisen, um sensorische Wonnezustände herzustellen wie endloses Schütten oder Rieseln (mit Wasser, Reis o.ä.), Selbststimulation
  • Kopf anschlagen, schreien, klopfen
  • Bildschirmsucht und Medienkonsum

Während diese Verhaltensweisen ihren Ursprung meist als Schutzfunktion, zur Selbstregulation oder um Überforderung und innere Spannung abzubauen haben, beeinträchtigen sie aber gleichzeitig die Entwicklung. Denn in diesem „Wohlfühlmodus“ spürt das Kind keine Notwendigkeit, Neues zu erkunden, Anstrengung auf sich zu nehmen oder sich auf Unvorhersehbares einzulassen. Lernen, Beziehung und Weiterentwicklung bleiben außen vor, solange das Kind in diesem selbst erzeugten lustvollen Rückzugsraum verweilt.

Da das Kind diese intensiven Sinneseindrücke und sensorischen Wonnezustande selbst und mit seinem eigenen Körper erzeugen kann, können sie schnell zur Gewohnheit und wie eine Sucht werden. Kinder, die entdeckt haben, wie sie diese Sinnesreize selber in ihrem Körper erzeugen können, bestehen oft darauf, viel oder sogar die meiste Zeit in ihren Wonnezuständen zu verbringen, und sammeln infolgedessen keine neuen Erfahrungen und lernen nur wenig dazu. Das Kind gerät so schnell in einen Teufelskreis und in eine Sackgasse, in der es keine anderen Fähigkeiten und keine Toleranz für die Bewältigung von Frustrationen entwickelt.

Chandra (4 Jahre) nutzt jede Gelegenheit, im Badezimmer am Wasserhahn einen Becher voll laufen zu lassen und mit einem zweiten Becher hin und her zu schütten. Jeden Tag. Seit fast 2 Jahren. Wenn man versucht, sie daran zu hindern, schreit und beißt sie.

Wenn es daran gehindert wird, in seine angenehmen Komfort-Zonen-Verhaltensweisen einzutauchen, explodiert solch ein Kind schnell in heftigen Ausrastern oder Wutausbrüchen, da ihm die Fähigkeiten und die Erfahrung fehlen, andere (weniger wonnige) Zustände zu tolerieren und damit umgehen zu können. Deshalb handelt es sich bei Selbstentzückungsverhaltensweisen meist gleichzeitig auch um eine Form von selbsteinschränkendem Verhalten.

Alvaro (6 Jahre) verbringt jede Ergotherapiestunde in der Kirschkernkiste, taucht juchzend in die Kerne ein, schüttet sie hin und her oder lässt sie endlos rieseln, wobei er die Versuche der bemühten Heilpädagogin, mit ihm in Kontakt oder ins gemeinsame Spiel zu kommen, gar nicht wahrzunehmen scheint. Wenn sie sich mehr aufdrängt, schaut er sie zwar an, aber schreit und setzt alles daran, sie zu beißen oder zu kneifen. Erst seit sie die Funktion und Auswirkungen dieser Verhaltensweisen verstanden hat, konnte sie wieder handlungsfähig werden und mit seinen Gefühlsausbrüchen verständnisvoll und halt-gebend umgehen. Und die Kirschkernkiste zeitweise geschlossen halten.

Manchmal gehen diese Verhaltensweisen auch mit einer Art Fetischisierung, d.h. einer extrem lustvollen und gleichzeitig zwanghaften Besetzung eines Gegenstands oder einer bestimmten Handlung einher, z.B. wenn ein Kind unbedingt nackte Füße, oder Beine in Nylonstrumpfhosen anfassen oder alles schmeißen ‚muss‘, auch mit 13 Jahren noch auf einer Windel beharrt oder es darauf anlegt, jeder Frau an die Brust zu greifen. Diese zwanghaft gewordenen Gewohnheiten zu überwinden kann oft sehr problematisch, anstrengend und langwierig sein.

# Anstrengungsvermeidende Verhaltensweisen: Aufgaben so schnell wie möglich hinter sich bringen

Während kleine Kinder die Anstrengung suchen, um sich dabei körperlich zu spüren, und zufrieden sind, wenn sie das Gefühl haben ‚Ich kann etwas tun und bewirken‘, ist bei ‚Frühen‘ Kinder meist das Gegenteil, d.h. anstrengungsvermeidendes Verhalten, zu beobachten. Hierbei handelt es sich um Abkürzungsverhaltensweisen, die den Erfahrungsbereich des Kindes oft sehr einschränken, da der Fokus nicht auf das Tun und die eigene Erfahrung, sondern auf das Fertigwerden gerichtet ist, d.h. das Kind macht

  • Aufgaben so schnell wie möglich, um ‚es‘ hinter sich zu bringen, z.B. greift so viele Dinge wie möglich auf einmal
  • so wenig wie möglich, z. B. nur mit einer Hand, oder auf einen Arm gestützt
  • kleinere schlaffe Bewegungen, einschließlich Dinge vom Tisch wischen, weg- oder daneben schmeißen oder einfach fallen lassen
  • nur das nötigste, ohne sich anzustrengen
  • tut so, als ob es mitmachen würde (aber nicht im Sinne von symbolischem Als-ob-Spiel!)

‚Als ich angefangen habe, mit ihm Waldon zu machen, wollte Kilian (13 Jahre) alles immer ‚schnell schnell‘ machen, wie um es einfach so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, oder indem er versuchte, mehrere Klötze gleichzeitig zu nehmen. Es hat einige Zeit gedauert, bis er sich entspannen und wirklich wahrnehmen konnte, was er macht und was da vor ihm passiert. Anfangs musste ich ihn deshalb sehr klar und eindeutig führen, damit er aus diesem eingefahrenen Muster herausfinden konnte.‘, berichtet seine Mutter.

Manche Kinder nutzen die Tatsache, dass sie sprechen können dazu, mehr zu reden und weniger zu tun. Häufige Ablenkungsmanöver bestehen darin, ununterbrochen Fragen oder Bedingungen zu stellen, zu schäkern oder den Erwachsenen in einen Dialog oder Streit zu verwickeln, um von der aktuellen Tätigkeit abzulenken. Auf diese Weise führen solche anstrengungsvermeidenden Gewohnheiten ebenfalls schnell in einen Teufelskreis: denn weniger Einsatz bedeutet weniger Erfahrungen, was wiederum dazu führt, dass das Kind sein allgemeines Verstehen nicht weiterentwickelt, so dass die sekundären Einschränkungen des Kindes weiter zunehmen. 

 

# Sackgassen-Gewohnheiten

Außerdem lässt sich noch die Kategorie der Sackgassen-Gewohnheiten beschreiben, d.h. Aktivitäten oder Verhaltensweisen, die in Bezug auf die Lernentwicklung nirgendwohin führen, und eine Art von entwicklungshemmenden Verhaltensweisen darstellen. Hierbei handelt es sich um repetitive und restriktive Verhaltensmuster, die dem Kind meistens auf eine gewisse Art und Weise viel Spaß machen, -weil sie angenehm sind und nur wenig oder gar keine Anstrengung erfordern, aber kaum neue Erfahrungen generieren. Aufgrund ihres repetitiven Charakters, und des intensiven Widerstands des Kindes gegen Variationen und neue Erfahrungen, werden diese Aktivitäten immer enger und restriktiver, – und können sich wie eine selbst geschaffene Zwangsjacke auswirken, aus der das Kind alleine nicht mehr herauskommt.

Hierbei handelt es sich oft auch um Verhaltensweisen, die von den Erwachsenen im Umfeld des Kindes (irrtümlicherweise) für fortgeschrittener gehalten werden als freies exploratives Spiel, und deshalb oft sehr geschätzt und gefördert werden, wie z. B.

  • Benennen und Aneinanderreihen von Buchstaben, Zahlen, Farben, Formen
  • Teller oder andere Dinge drehen und zum Kreiseln bringen
  • Türme bauen und umwerfen, um Erregung zu erzeugen
  • Bilderbücher durchblättern als Komfortzone, oft auch ohne die Bilder wirklich anzuschauen
  • Holzeisenbahnspiele, Autorennstrecken oder Kugelbahnen mit vorgefertigten Teilen, bei denen die Variationsmöglichkeiten sehr begrenzt sind, z.B. wenn das Kind Züge oder Murmeln nur herumrollt
  • Elektronik und Computerspielzeug, z.B. iPad, Spielzeug mit Tasten zum Drücken, Tiptoi, youtube-Videos auf Englisch (besonders, wenn Englisch nicht die Landessprache oder umgebende Kultur ist),
  • Beharren auf ständiger Hintergrundmusik wie „auditive Tapeten“, z.B. Fernseher muss immer an sein, Kinderreime in Dauerschleife, Tony Box, … 

‚Manfred (5 Jahre) liebt es Dinge zum Kreiseln zu bringen. Er ist echt super darin. Viel besser als ich‘, berichtet seine Mutter voller Stolz in der Stimme. Allerdings ist das das Einzige, was er macht, jeden Tag und fast den ganzen Tag.

Schutzstrategien als solche verstehen

Manche Kinder sagen sogar vielleicht „Fertig! Fertig!“, um Aktivität und Beteiligung schnell zu beenden:

Wenn man Jürgen (8 Jahre) überhaupt dazu bewegen konnte, sich hinzusetzen und sich auf eine Aktivität einzulassen, z.B. Ringe in ein Muffinblech zu legen und sie anschließend auf einen Stab zu stecken, zeigte sich schnell, wie fragil dieser Moment war. Sobald etwas nicht sofort funktionierte oder auch nur minimal anders verlief als erwartet, schrie er sofort „Fertig! Fertig!“ und sprang auf, um wieder hin- und herzurennen.

Dieses Verhalten ist kein Trotz oder bewusste Verweigerung, sondern eine äußerst effektive Schutzstrategie, die zur Gewohnheit geworden ist. Das abrupte Abbrechen der Situation ermöglicht es dem Kind, Überforderung sofort zu beenden und wieder einen sensorisch vertrauten Zustand innerer Sicherheit herzustellen. Bewegung, Flucht und Wiederholung sind für ihn schneller verfügbar als Aushalten, Wahrnehmen oder Verarbeiten.

Wenn der Notausgang zur Sackgasse wird

Genau hier liegt jedoch eine zentrale Entwicklungsfalle: Jedes Mal, wenn auf dieses „Fertig!“ reagiert wird, durch Abbruch, Nachgeben oder den Wechsel zu etwas Vertrautem, bestätigt sich für das Kind unbewusst die Erfahrung, dass Vermeidung ein gut funktionierender Weg ist. Auf diese Weise verfestigt sich das Verhalten immer mehr, während gleichzeitig die Fähigkeit, in einer Situation zu bleiben, leichte Irritationen auszuhalten und neue Erfahrungen zu integrieren, kaum wachsen kann. Über Jahre hinweg führt diese Dynamik in eine massive Entwicklungssackgasse, in der Tyler, Wang, Manfred und Jürgen auch Jahre später noch feststecken. Nicht, weil sie nicht lernen könnten, sondern weil sie nie die Gelegenheit erhielten, die dafür notwendigen körperlich-sensorischen sowie emotionalen Grundlagen aufzubauen. Lernen wird so untrennbar mit Stress verknüpft, und Vermeidung mit Erleichterung.

Wenn Entwicklung mehr Begleitung braucht

Die Waldon-Methode setzt genau an diesem Punkt einen anderen Schwerpunkt. Sie reagiert nicht auf das Vermeidungsverhalten, sondern unterläuft es, indem sie dem Kind über klare, wiederholte Bewegungsangebote Halt, Vorhersagbarkeit und körperliche Sicherheit vermittelt, und zwar ohne etwas zu sagen, zu erklären oder die Aufmerksamkeit darauf zu richten.

Kilians (inzwischen 15 Jahre) Mutter ist dies gelungen, so dass er 2 Jahre später gerne am Tisch sitzt und fast eine ganze Stunde für eine Waldon-Einheit mit ihr Dinge wie Klötze oder Ringe hin und herräumt, mit handgehaltenen Werkzeugen den Raum um ihn herum durch Klopfen und Schaben erkundet, und sich ungeheuer freut, dass er etwas kann und versteht, weil er seine Greif- und Bewegungsfähigkeiten entwickeln konnte.

Die Funktionen von Verhalten verstehen

Keine dieser Verhaltensweisen ist bewusst intendiert oder gewollt, und es ist wichtig, die Gründe und Funktionen dieser Verhaltensreaktionen zu verstehen. Nur wer erkennt, welche Funktion ein Verhalten erfüllt, kann einfühlsam reagieren und das Kind in seiner Entwicklung von Lernen und Verhalten unterstützen. Das heißt auch, unsere eigenen Gefühle, Erwartungen und Reaktionen zu reflektieren, denn erst dann können wir dem Kind wirklich helfen, Vertrauen zu fassen und neue Erfahrungen zuzulassen. Letztlich geht es nicht um das „Wegmachen“ von Verhalten, sondern darum, Sicherheit zu ermöglichen, damit das Kind sich öffnen, Neues ausprobieren und ins Lernen kommen kann.

Auch kann das gleiche Verhalten alle diese Funktionen erfüllen. Beispielsweise kann das Kreiseln lassen von Gegenständen ein typisches Verhalten für 12 Monate (obwohl es, wie Waldon betont, oft als „fortgeschrittener” angesehen wird) sowie ein selbsteinschränkendes Verhalten sein, das mobilisiert wird, um schnell eine positive Verstärkung zu erzeugen, um einer negativen Verstärkung (plötzliche Angst) entgegenzuwirken. Es kann sich um ein entwicklungshemmendes Verhalten handeln, dem Kinder mit einem stark eingeschränkten Verhaltensrepertoire häufig frönen. Und es ist eine klassische Sackgassengewohnheit. Der Klarheit zuliebe ist es daher manchmal sinnvoll, die selbsteinschränkenden oder entwicklungshemmenden Funktionen zu beschreiben.

Kapitel aus: Mit autistischen Kindern lernen zu lernen. Sibylle Janert (2026, Reinhard Verlag)

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