Was wir aus dem Still-Face-Experiment für DIRFloortime lernen können
Wenn wir mit Kindern arbeiten – sei es als Eltern, Therapeut:innen oder Pädagog:innen – streben wir oft nach Harmonie, Feinfühligkeit und reibungsloser Interaktion. Und doch zeigt die Entwicklungsforschung: Es sind gerade die kleinen Störungen und die gelungene Wiederverbindung, die besonders viel Entwicklungspotenzial in sich tragen.
👶 Das „Still Face Paradigm“ – wenn Kontakt plötzlich abreißt
Der amerikanische Entwicklungspsychologe Ed Tronick hat mit seinem berühmten „Still Face Experiment“ eindrucksvoll gezeigt, wie empfindlich – und gleichzeitig anpassungsfähig – Babys auf soziale Resonanz reagieren. In diesem Versuch interagiert eine Mutter zunächst lebendig mit ihrem Baby: Sie lächelt, antwortet auf seine Laute, zeigt Interesse. Dann friert sie plötzlich ein – ihr Gesicht bleibt ausdruckslos, sie reagiert nicht mehr. Das Baby wird unruhig, versucht alles, um die Verbindung wiederherzustellen – und zeigt damit: Schon in den ersten Lebensmonaten sind wir zutiefst auf Resonanz angewiesen.
Aber Tronick geht noch weiter. In seinem Buch The Power of Discord (2023) beschreibt er, dass es nicht die perfekte, fehlerfreie Interaktion ist, die Entwicklung stärkt – sondern das immer wiederkehrende Spiel aus kleiner Störung („Mismatch“) und gelungener Wiederannäherung („Repair“). Diese Mikroerfahrungen helfen dem Kind, emotionale Flexibilität, Beziehungsfähigkeit und Selbstregulation zu entwickeln.
🧩 Was heißt das in der Praxis?
Praxisbeispiel 1: In der Therapie
Ein Kind stapelt Bauklötze immer nach dem gleichen Muster. Die Therapeutin legt „versehentlich“ einen Klotz an die falsche Stelle – und wartet. Das Kind blickt sie kurz verwundert an, sagt nichts – nimmt dann aber den falschen Klotz und legt ihn richtig. Ein Moment der Irritation – aber auch ein Moment, in dem das Kind aktiv wird, korrigiert, denkt mit. Genau solche Erfahrungen fördern Selbstwirksamkeit und Flexibilität.
Praxisbeispiel 2: Im Familienalltag
Ein Vater hält seinem Kleinkind den Reißverschluss der Jacke hin, wie jeden Morgen. Heute aber bleibt er stehen, lächelt, und sagt: „Oh, ich weiß gar nicht, wie das geht…?“ Das Kind zögert, schaut – und versucht selbst den Zipper zu greifen. Vielleicht klappt es noch nicht – aber der Moment des Abwartens gibt dem Kind Raum zum Ausprobieren, zum eigenständigen Handeln – eingebettet in eine sichere, spielerische Beziehung.
🎭 Verbindung zu DIRFloortime: Spiel mit dem Unterbruch
Auch die DIRFloortime-Methode nutzt gezielt solche Momente der „spielerischen Irritation“ – etwa durch spielerisch herausfordernd sein. Das bedeutet, einen geplanten, wohlwollenden „Stolperstein“ einbauen, um das Kind zu unterstützen, sozial-emotional in Interaktion zu treten. Das Ziel ist nicht Frustration, sondern: Initiative, Interaktion, Problemlöseverhalten und Kommunikationskreise.
Praxisbeispiel 3: Im Spiel
Ein Kind läßt gerne eine kleine Kugel die Rutsche hinunterrollen. Der Therapeut hält die Kugel einmal zurück und sagt überrascht: „Oh – ist das deine?“ Das Kind schaut, reagiert, vielleicht mit Gestik oder Sprache, – und beginnt, sich mitzuteilen, um den Ablauf wiederherzustellen. Eine einfache, aber sehr wirksame Interaktionschance.
🤲 Fazit: Beziehung heißt nicht Perfektion
Gerade in der Arbeit mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen kann dieser Gedanke entlasten: Es ist nicht schlimm, wenn es nicht „glatt läuft“. Im Gegenteil – Entwicklung passiert in der Reibung, in der kleinen Irritation, im wieder gefundenen Gleichgewicht.
Denn wenn das Kind erlebt: „Etwas passt gerade nicht – aber ich kann damit umgehen. Und mein Gegenüber bleibt da.“, dann entsteht echte Resilienz. Und aus scheinbar kleinen Momenten werden große Schritte.