Für die frühe Entwicklung von Spiel und Lernen ist selbst gut gemeintes Lob kontraproduktiv und führt dazu, Abhängigkeit von gelobt-werden zu schaffen. Aber warum ist es so wichtig, ein Kind weder zu loben noch verbal zu ermutigen, wenn es vertieft ist in frühes Spiel oder während einer strukturierten Waldon-Stunde, und ihm dabei nicht ‚pädagogisch‘ hereinzureden? Und warum fällt es den meisten Erwachsenen anfangs oft sehr schwer, das zu verstehen und sich daran zu gewöhnen, und das Loben aufzugeben?
Warum Erwachsene so gerne loben
Der Gedanke, dass der Verzicht auf Lob so wichtig, und sogar förderlich, für die Entwicklung des Kindes ist, kommt für viele überraschend und mag dem Erwachsenen, der an die Vorstellung gewöhnt ist, dass Kinder gerne gelobt werden und dies ihnen beim Lernen helfen würde, zunächst rätselhaft oder sogar unfreundlich erscheinen. Denn sie selber lieben das Gefühl so sehr, nett sein und dem Kind ihre Befriedigung mitteilen zu können, und wie wohl sie sich fühlen, wenn alles glatt läuft und das Kind alles so macht, wie die Erwachsenen es sich vorgestellt hatten. Diese Idee basiert auf einem mechanistischen Menschenbild und der Vorstellung, dass Lernen eine Art mechanisches Konditionieren oder Programmieren ist, das durch Loben verstärkt und gefestigt wird. Aber ein Kind ist kein Computer, den man einfach programmieren kann, sondern ein Mensch voller Gefühle, der durch die aktive körperliche Teilnahme an der Welt lernt.
Kleine Kinder lernen durch Freude am eigenen Tun
Das ‘Frühe’ Spiel eines Kleinkindes ist biologisch so angelegt, dass es die Dinge seiner Alltagswelt mit allen Sinnen greifen und erforschen will, ohne vorherige Kenntnisse oder vorgefasste Erwartungen. Das kleine Kind ist einfach offen und neugierig auf alles, was passieren könnte. Es hat kein bestimmtes Ziel und noch kein Bewusstsein für „richtig oder falsch“. Alles, was es tut, ist gut und führt zu neuen Erfahrungen, wenn es zum Beispiel nach Dingen greift oder mit Gegenständen hantiert. Dabei basiert jede seiner Handlungen auf seinen früheren Erfahrungen, und wiederholt und baut darauf auf, was es schon weiß und kann.
Während es experimentiert und „herumspielt“, passieren unerwartete Dinge, die zu Überraschungen und neuen Erfahrungen führen. Dies ist spannend für das Kind und schürt Motivation und Interesse, so dass es mehr machen und ausprobieren will. Diese neuen Entdeckungen werden dann Teil seines Spiel- und Verstehensrepertoires über die Welt der Gegenstände, über sich selbst und seinen Körper, darüber ‚wie alles funktioniert‘. Die Freude am Lernen ergibt sich aus dem Einsatz beim Tun und den Erfahrungen, die das Kind beim Ausführen der Aufgabe selbst macht. Ganz für sich allein.
Worum geht es beim Loben, und was bewirkt es?
Wenn der Erwachsene das Kind nun überschwänglich lobt oder bejubelt, z.B. mit Beifall klatschen oder ‚Super gemacht!‘, unterbricht dies den Flow des Kindes und verlagert den Schwerpunkt von seinem eigenen multisensorischen Entdecken auf den Erwachsenen und dessen Idee von einem lobenswerten Ziel, einem lohnenden Ergebnis oder einer erwarteten Leistung. Aber das kleine Kind, das die Welt um sich herum erkundet, hat kein Ziel, weil es noch neue Erfahrungen sammelt und diese bestimmte neue Erfahrung noch nie gemacht hat. Es wird daher nicht verstehen, was der Erwachsene meint und warum er sich so freut. Denn es hat einfach irgendwas gemacht, und dann ist irgendwas passiert, und das war interessant in sich selbst. Wenn der Erwachsene es jetzt lobt, stört er das Kind in seinem Tun und der Genugtuung über seine Erfahrungen und sein eigenes Lernen. Stattdessen lenkt er die Aufmerksamkeit des Kindes auf sich selbst und seine Befriedigung als Erwachsener, und fordert das Kind auf, ihm dies zu bestätigen. Aber darum geht es doch gerade gar nicht!
Loben bewirkt, dass das Kind sein eigenes Lernen aufgibt
Das Kind, dem der Ton oder die Zufriedenheit des Erwachsenen gefällt, wird dadurch von seinem eigenen Erkunden abgelenkt. Es verlagert also seine Aufmerksamkeit auf den Erwachsenen und dessen soziales Ziel oder „Spiel“, statt auf seine eigenen sensorisch-emotionalen Entdeckungen, und gibt damit sein eigenes intuitives Lernen auf. Ein Kind, das darauf konditioniert worden ist, es „richtig“ zu machen und die Bestätigung des Erwachsenen zu erwarten, ist nicht mehr frei, mit Dingen zu experimentieren, neue Ideen auszuprobieren oder weitere Kombinationen zu entdecken, und so aus seinen eigenen Erfahrungen zu lernen. Es wird stattdessen vom Lob des Erwachsenen abhängig, und kann häufig ohne gelobt zu werden nicht mehr weitermachen, – oder sogar gar nichts mehr machen. Auf diese Weise behindert Loben das selbstmotivierte aktive Lernen aus Erfahrung im Umgang mit Gegenständen, und die Entwicklung intrinsischer Motivation zum eigenen Tun.
Loben bewertet Leistung, nicht Teilnahme und Bemühen
Loben bezieht sich meistens auf ein Ergebnis oder eine Leistung, z. B. wenn ein Kind, dem beigebracht wurde, einen Turm zu bauen oder ein Puzzle ‚richtig‘ zu machen, gelernt hat, diese bestimmte Aufgabe auszuführen. Da sich der Erwachsene darüber freut, dass das Kind die Aufgabe so erledigt hat, wie er es sich vorgestellt hat, wiederholt das Kind diese Aufgabe vielleicht gerne, um dem Erwachsenen einen Gefallen zu tun. Aber es hat dabei nichts Neues gelernt. Denn die Wiederholung einer begrenzten Aufgabe, um dem Erwachsenen einen Gefallen zu tun, trägt nur wenig (oder gar nicht) zu seinem allgemeinen Verständnis darüber bei, wie die Welt funktioniert und wie es selber mit den Dingen in Beziehung treten kann. Dies kann sich nur durch aktives Erforschen und das aktive Sammeln neuer Erfahrungen entwickeln, und vor allem dadurch, dass es „Fehler machen“ darf und Unvorhergesehenes ausprobieren kann. Wenn man es richtig gemacht hat, hat man vielleicht den Prüfer befriedigt oder die Prüfung bestanden. Aber man hat nichts Neues dazugelernt.
Manche Kinder sind so an das überschwängliche Gelobt-werden gewöhnt, dass sie
- versuchen, dem Erwachsenen alles recht zu machen
- ihre Bemühungen davon abhängig machen, wie zufrieden der Erwachsene zu sein scheint
- nur etwas tun, um gelobt zu werden
- etwas machen, um dem Erwachsenen einen Gefallen zu tun, nicht um selber zu lernen
Die Schattenseiten von Loben
Es ist auch wichtig zu bedenken, wie es sich auf das Kind auswirkt, wenn es nicht gelobt wird, obwohl es das erwartet. Das Kind fühlt sich dann verwirrt und vielleicht beschämt, weil es das Gefühl hat, etwas falsch gemacht zu haben oder, dass der Erwachsene nicht zufrieden, oder sogar enttäuscht von ihm ist. Vielleicht hat es das Gefühl, einen Test nicht bestanden oder eine Erwartung nicht erfüllt zu haben. Solche Gefühle können schnell zu Ängsten und Verunsicherungsgefühlen führen. Dies wiederum wirkt sich auf seine Stimmung, Motivation und sein Selbstwertgefühl aus, und beeinträchtigt seine Fähigkeit, sich zu beteiligen zu wollen und zu lernen.
Das Streben nach Belohnung oder von anderen gelobt zu werden, ist kein Ausdruck innerer Motivation, sondern ein erlerntes Anpassungsverhalten. Das Kind richtet sein Handeln zunehmend darauf aus, Erwartungen zu erfüllen, zu gefallen oder „richtig“ zu sein. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom eigenen Tun, Spüren und Verstehen hin zur äußeren Bewertung. Lernen wird dann nicht mehr aus innerem Interesse getragen, sondern durch den Wunsch nach gesteuerter Bestätigung von außen. Gerade für das frühe Lernen ist dies hinderlich, denn eigenständiges Erkunden, Ausdauer und die Freude am Wiederholen entstehen nur dann, wenn das Kind für sich selbst handelt. Echte Anerkennung stärkt diese innere Orientierung, – Lob unterbricht sie oft und erschwert es dem Kind, aus sich selbst heraus zu lernen und Erfahrungen zu sammeln.
Gelobt werden erzeugt oft schwierige Gefühle
Wenn man gelobt wird, fühlt sich das oft unangenehm an, und geht mit einem Gefühl von Verlegenheit einher oder ist uns sogar peinlich. Denn Lob lenkt die Aufmerksamkeit von der eigenen Tätigkeit auf die Bewertung durch andere. Man hat das Gefühl, der andere schaut nicht auf etwas, das man von innen heraus und aus eigener Motivation und Initiative heraus gemacht hat, sondern bewertet es von außen nach seinen eigenen Kriterien. Aber so hatte man das nicht gemeint. Man spürt zwar vielleicht die Anerkennung, fühlt sich aber gleichzeitig von oben herab ‚gelobt‘ und gegängelt, oder vielleicht sogar beschämt, erniedrigt und herabgesetzt. Oder man ist sich nicht sicher, ob dieses Lob wirklich echt ist und von Herzen kommt, und die eigene Anstrengung wertschätzt, – oder ob es in Wirklichkeit eine Art Schmeichelei und Manipulation ist, weil der Andere gekriegt hat, was er haben wollte, so dass er sich gut fühlen kann, und man hat das ungute Gefühl für dessen Selbstbefriedigung benutzt und nicht als gleichwertiger Mensch behandelt worden zu sein. Diese Art von Lob hat oft etwas Übertriebenes und Unauthentisches, – und hinter dem Feiern, Klatschen und Applaudieren verbirgt sich manchmal eine herabwürdigende Mitteilung, – nämlich: ‚Ich bin überrascht, denn ich hätte nicht gedacht, dass du das könntest!‘.
Echte Anerkennung, statt Loben als Steuerungsinstrument
Natürlich sind Anerkennung und echte Wertschätzung für jeden Menschen fundamental wichtig. Sie vermitteln das Gefühl, gesehen, ernst genommen und in seinem Sein respektiert zu werden, unabhängig von Leistung oder Ergebnis. Diese Form der Anerkennung zeichnet sich dadurch aus, dass sie taktvoll und authentisch die Teilnahme und Individualität des Kindes würdigt, oft mit einer partnerschaftlichen dezenten, unübertriebenen und meist nonverbalen Bestätigung ohne Anbiederung, wie einem anerkennenden Blick, Nicken oder Gesichtsausdruck, einer wertschätzender Hand auf der Schulter oder einem echten ,Danke schön‘ oder ‚Hat Spaß gemacht mit dir‘, wie vielleicht am Ende einer Waldon-Lerneinheit. Auf eine solche Weise kommuniziert, wirkt Anerkennung beziehungsstärkend und bestätigt bestehende Kompetenz, ohne das innere Erleben des Kindes zu überlagern.